Erstere gehen auf mein Konto. Oft sogar gegen den ausdrücklichen Rat der jeweiligen Fachperson. Sei es der Titel und die Kapitelüberschriften von „Charlys Sommer“ – unleserlich, aber mir gefällt halt die Schrift.
Fehler in der Wortwahl, z.B. „Hänger“ statt „Anhänger“ – von Lektorin und Korrektorin angemahnt, meine pure Widersetzlichkeit und in diesem speziellen Fall auch die jahrelange falsche Nutzung im Alltag. Jetzt weiß ich es.
Das Cover – zu dunkel und „was willst Du damit eigentlich sagen?“. Subtil und durch die Blume funktioniert nicht, wenn man wahrgenommen werden soll; der Streich meines Unterbewusstseins, war ich doch für „sichtbar sein“ noch gar nicht bereit.
Fehler kann man beheben – oder dazu stehen. Momentan heißt die Lösung „Letzteres“, schließlich ist „Charlys Sommer“ mein Erstling – der darf „Luft nach oben“ haben. Denn nur, weil Verbesserungspotenzial da ist, ist der Ausgangspunkt nicht automatisch schlecht. Nur (noch) nicht perfekt.
Die philosophische Betrachtung der realistischen Eintrittswahrscheinlichkeit von Perfektion außer Acht lassend, wende ich mich lieber den ersten Kritiken zu. Viele sind es eh (noch) nicht, die wenigsten Menschen wagen es, Kritik anzubringen. Dabei hilft konstruktiv (!) vorgebrachte Kritik mehr als nur wohlwollendes Schulterklopfen. Das braucht es auch, aber wenn es um Verbesserung geht, sind konkrete Anhaltspunkte hilfreicher.
Eine der drei erhaltenen Kritiken lässt mich allerdings ratlos – die Geschichte sei „additiv“. Ist es nicht Realität, dass man, je weiter man in etwas eintaucht, immer mehr Aspekte und Facetten entdeckt und entwickelt? Selbst meine Werbefachfrau meinte, das sei in einem Roman an sich etwas Gutes.
Ihr seht, bei Kritiken nicht einfach mit einem Fremdwort um euch werfen, sondern genauer erklären, was euch nicht gefallen hat. Warum? Ich möchte dazulernen und mich verbessern. Das geht nur, wenn ich Kritik verstehe – und bewusst entscheiden kann, ob ich an ihr wachsen möchte oder nicht. Denn ich kann es nicht jedem recht machen (und will das auch gar nicht).
„Charly ist zu perfekt.“
Diese Kritik ist sehr viel konkreter – und interessanter, ereilte sie mich doch inzwischen gar zwei Mal, noch dazu von unterschiedlichen Personen und zu verschiedenen Büchern!
Zu beiden gibt es auch eine jeweils recht einfache Antwort:
Dem Einen zu „Charlys Sommer“ bin ich geneigt zu antworten: „Dann hast Du – wie die beiden männlichen Hauptcharaktere auch – nicht hinter die Fassade geschaut.“ Gleichzeitig bin ich fasziniert, dass das, was Charly im Buch praktiziert, auch in der Realität so ankommt. Innerlich schmunzelnd würde ich sagen: Ziel erreicht.
Der Anderen zu „Charlys Advent“ möchte ich entgegnen: „Kunststück – sie lebt allein, keiner bringt ihren Haushalt durcheinander, wir betrachten dreieinhalb Wochen in einer ruhigen, der inneren Einkehr gewidmeten Jahreszeit … – das ist ja auch das Langweilige an geübter Routine: Alles läuft am Schnürchen.“
Trotz dieser relativ einfachen Erwiderungen auf die jeweilige Kritik, weiß ich, was beide meinen. Ja, Charly ist ein Stück weit „zu perfekt“.
Muss sie aber zwangsläufig sein – denn wer will schon von einer Hauptfigur lesen, die jeden Tag drei Mal wegen Kleinigkeiten heult und die ganze Zeit jammernd durch die Gegend rennt?
Außerdem sei euch versichert, dass auch Charly ihre „Perfektion“ einbüßt, wenn im langjährigen Familienleben gegensätzliche Ansichten aufeinanderprallen, der alltägliche Wahnsinn zu bewältigen ist, Unfälle und ein Todesfall genau in die Zuspitzung der Ehekrise fallen und zu allem Überfluss eine totgeschwiegene Jugendsünde ihre Finger aus der sicher vergraben geglaubten Kiste streckt. Und für die Meisten die wichtigste Frage überhaupt: welches Motorrad fährt Charly währenddessen eigentlich?
Wer jetzt ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch trommelt und nach dem Erscheinungstermin fragt, dem kann ich allerdings nur mit einem Zitat antworten: „Geduld ist gezähmte Leidenschaft“ (Lyman Abbott).
