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Bewegung als Illusion von Fortschritt

Gestern war ich ständig in Bewegung: Von zuhause ins Büro. Mein Arbeitsweg ist mit 140 Kilometern einfache Strecke etwas länger, also habe ich auch entsprechend mehr Ortsveränderung, fast eine kleine Reise. Nachmittags natürlich retour, zum Sport. Bahnenschwimmen im örtlichen Schwimmbad. Viel Bewegung, die nirgendwo konkret hinführt, außer vielleicht an die Grenzen der eigenen Duldsamkeit und Langmut. Danach weiter nach Hause, unterwegs noch schnell tanken, hektisches treppauf- und treppab-Gerenne beim Versuch, noch ein bisschen Haushalt zwischen die Versorgung des Viechzeuchs zu quetschen und weiter zur Lesung. (Noch) Nicht meiner, trotzdem flog ich dort mit vorfreudiger Erwartung ein. Schließlich hatte ich das gute Gefühl, den ganzen Tag viel auf den Weg gebracht zu haben. Ich war ja auch längst nicht fertig, ging es nach der Lesung doch noch auf Essensuche, fertig zubereiteter, der Uhrzeit wegen, ehe ich gegen 21 Uhr rechtschaffen erledigt aufs Sofa vor den Fernseher sank, um das Gericht zu verspeisen.

Geschafft, im Sinne von „geschaffen“, aber habe ich quasi – nichts.

Im Büro sind zwar alle Bälle übers Netz in andere Hälften verschoben und ist Unerledigtes aufgearbeitet worden, aber nichts, was Äußerlich sicht- und greifbar wäre. Noch nicht.

Das Auto ist getankt und gewaschen – DAS sieht man sogar, die Frage ist nur, wie lange. Vom Tanken aber sieht man nichts, außer ich den Ressourcenverlust auf meinem Konto.

Von den 44 Bahnen in 50 Minuten sieht man auch – leider – immer noch nichts. Aber gut, laut klugem Sprichwort sieht man nach vier Wochen erste Ergebnisse – und mein Start ist grad mal drei Wochen her.

Von den vielfältigen Absprachen und Erkenntnissen, u.a. bei der Lesung, sieht man im Außen – nichts.

Und vom Essen zeugen auch nur noch die Alufolienschnipsel im Mülleimer.

Wie anders sieht dagegen ein produktiver Tag aus

An den „stillen“ Tagen dagegen schaffe ich viel mehr. Wenn die einzige Bewegung meine Runde im Wald und die Fahrt zum Pferdetier ist. Wenn sich viele kleine Handgriffe in Haus und Hof zu einem zufriedenen Gefühl entwickeln. Besonders aber dann, wenn ich abends nach einer unterschiedlichen Anzahl an Wörtern den Rechner zuklappe. Mal habe ich zu tun, dass ich an die hundert, mein absolutes Minimalziel, geschafft habe. Manchmal aber sind auch ein-, zwei- oder gar dreitausend Wörter aufs digitale Papier geflossen.

Jedenfalls aber ist dann äußerlich weit weniger Bewegung sichtbar, als sich innerlich tatsächlich getan hat. Jedes Wort verändert. Nicht nur die Buchseite, auf der es erscheint, sondern auch den Menschen, der es schreibt. Manchmal sogar den, der es liest. Aber das kommt erst viel später.

Entwicklung und Fortschritt sind selten schnell.

Eher sind sie eine Folge hartnäckigen Dranbleibens.

Dann, wenn keiner etwas davon sieht. Keiner klatscht oder ein „Like“ an den Tag macht.

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